Das Projekt

Aus Oberumberg. Nach Oberumberg.

Ein Mostviertler Dorf erzählt seine Geschichte. Zwischen Milchbank und Grünbank.

Das Dorf ist der Kern. Der Menschen und des Lebens im Mostviertel. Das Dorf war der Kern? Lebten in den 1970er Jahren noch an die 70 Personen im Dorf Oberumberg nahe Euratsfeld bei Amstetten, sind es heute noch gut 35. Alles, was sich an Veränderungen in der großen Welt abgespielt hat, blieb auch im Dorf nicht ohne Auswirkungen. Für viele, die aus dem Dorf – in fast jedem der neun Bauernhöfe gab es zwischen vier und sechs Kindern – weggegangen sind, war die geschlossene Welt des Dorfes prägend. Sie erzählen, was sie aus dem Dorf mitgenommen haben. Und setzen das in neue Beziehung zu denen, die geblieben oder neu im Dorf dazu gekommen sind.

Zentrale Kommunikationsstelle des Dorfes Oberumberg war in den 1970er Jahren das sogenannte Milchbankerl. Dorthin brachte jeder Bauer am Morgen die Milch, die vom Lieferwagen abgeholt wurde. Bei der Gelegenheit wurde das Geschehen im Dorf, im Ort und in der großen Welt ausgetauscht, oft lautstark, manchmal fast bis zur Jausenzeit. Wir bauen diese Milchbank in etwas größerer Form nach, gestalten sie als begehbare, künstlerische Skulptur, die nach dem Festival im Dorf bleibt. Das Milchbankerl bespielen wir mit Geschichten, die Bewohner des Dorfes erzählen. Wir schaffen sozusagen ein fiktives neues und doch bekanntes Kommunikationszentrum, das auch für BesucherInnen zugängig ist. Dafür filmen wir die Erzählungen von zwanzig bis 30 ehemaligen und derzeitigen BewohnerInnen des Dorfes. Diese Ton-Bilddokumente können über einfach nutzbare Bildschirme jederzeit abgespielt werden.

Dazu gibt es eine „Grünbank“. „Tun wir grean halten“, hieß es früher, wenn sich die Bauern nach der Arbeit zu Feierabend auf die meist grüne Bank vor dem Haus gesetzt und geplaudert haben. Die Grünbank des Dorfes steht beim Milchbankerl und lädt zum Austausch ein. Sie wird im Laufe des Festivals aber auch durch das Dorf getragen und an verschiedenen Orten aufgestellt. Rund um die Grünbank gibt es dann ein Mal monatlich von Christine Haiden moderierte Gespräche über das Leben am Dorf. Mit den BewohnerInnen von früher und von heute und BesucherInnen, die mehr erfahren oder über ihre Eindrücke mitreden wollen. Wir reden Grenzen, Grundgrenzen und Nachbarschaft, wir unterhalten uns über wirtschaftliche Veränderungen, den Umgang mit Ressourcen und Müllentsorgung sowie über Religion und die Rolle der Frauen. Die Geschichte des Dorfes wird über die Geschichten seiner BewohnerInnen lebendig und in der ganzen Veränderung durch die Jahrzehnte sichtbar.

Entlang der Dorfstrasse werden die früheren und die heutigen BewohnerInnen des Dorfes sichtbar gemacht. Sie werden fotografisch inszeniert in ihrem Umfeld. Wer aus dem Dorf kommt und wer in das Dorf gekommen ist, wird so auch für durchfahrende und durchgehende BesucherInnen sichtbar und gibt dem Dorf selbst eine Vorstellung von Zugehörigkeit. Die Milchbank-Installation und die Schautafeln bleiben über das Festival hinaus im Dorf.

Bei der Milchbank und ihrer Infokoje liegt für alle BesucherInnen ein Buch zum Erwerb auf, das die Menschen und ihre Geschichten dokumentiert und der Veränderung im Biotop Dorf nachgeht. Es soll eine regionaltypische Entwicklung erzählen, das Große im Kleinen und das Kleine im Großen.

Zusätzlich ist geplant, den alten Kirchen- und Schulweg, der das Dorf mit dem nächsten Ort, Euratsfeld, verbunden hat, zu reaktivieren.

Am Höhepunkt der Dorferkundung steht ein Fest rund um die Sonnenwende, am Samstag, 25. Juni 2016, das alle Akteure und alle Gäste zusammenführt und so den Begriff des Dorfes erweitert. Ausgehend vom Marktplatz in Euratsfeld wandern die Gäste am neu ausgeschilderten Kirchenweg nach Ober-Umberg. Nach der Interaktion mit Schautafeln, Videos und den Dorfbewohnern feiert man gemeinsam. Das Dorf hat sich aus der geschlossenen Welt der 1970er Jahre zu einem weltweiten Dorf weiter entwickelt. Fliehkraft und Zugkraft bleiben in Spannung.

 

Die Projektverantwortlichen:

Verein: Kulturinitiative Euratsfeld

Konzept und Realisierung:

Franz Weingartner, geboren 1970, aufgewachsen in Ober-Umberg 10, Volks- und Hauptschule in Euratsfeld, Francisco Josephinum in Wieselburg, seit 2002 selbstständiger Fotograf unter dem Synonym „weinfranz“. Schätzt die kleinen Dinge und liebt das pure Leben !

Christine Haiden, geboren 1962, aufgewachsen in Ober-Umberg 5, Volksschule in Euratsfeld, Gymnasium in Amstetten, Jus-Studium in Linz, seit 1986 als Journalistin tätig, seit 1993 als Chefredakteurin der Zeitschrift „Welt der Frau“. Autorin mehrerer Interviewbücher (Residenz Verlag) u.a. mit 100-Jährigen, Menschen mit besonderem Lebensmut und „Sonderpaaren“.